- Im digitalen Dating-Zeitalter wird Ehrlichkeit oft als potenziell „peinlich“ empfunden und weggefiltert. Giovanni Wolfram nutzt Ironie und Sarkasmus in Dating-Apps, um sich vor potenzieller Scham zu schützen. Eine Generation sieht Ehrlichkeit als Tugend, während die nächste sie als Alarmzeichen betrachten könnte. Psychologin Jordan Meisel erklärt, dass humorvolle Selbstpräsentation eine Schutzmethode gegen Ernüchterung ist. Online-Dating-Plattformen fördern gefilterte, humorvolle Selbstdarstellungen anstelle von Authentizität.
Im digitalen Zeitalter des Datings scheinen Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit zunehmend einem Spießrutenlauf des modernen sozialen Umgangs zum Opfer zu fallen. Giovanni Wolfram, ein 25-jähriger Bewohner von Santa Fe, New Mexico, ist dabei keine Ausnahme. Seine größte Sorge beim Online-Dating ist nicht das Fehlen äußerlicher Attraktivität, sondern die Möglichkeit, als „peinlich“ wahrgenommen zu werden. Wolfram ist überzeugt, dass man das Aussehen irgendwie kompensieren kann, nicht aber den Makel einer „peinlichen“ Persönlichkeit. Seit seinem Beitritt zur Welt des Online-Datings im Alter von 18 Jahren hat er sich bemüht, sein Profil von jeglicher Aufrichtigkeit zu befreien.
Ironie als Verteidigung
Wolfram hält seine Antworten auf die Fragen der Dating-Apps stets sarkastisch und ironisch. Diese Strategie dient nicht nur als eine Art Lackmustest, sondern schützt auch vor der potenziellen Scham unehrlicher Empathievergangenheit. Obwohl er selbst auf die Bedeutung von Aufrichtigkeit intellektuell großen Wert legt, bleibt die Angst bestehen, als zu ernst und zu aufrichtig rüberzukommen. Tatsächlich entfernen viele junge Erwachsene in der heutigen Zeit absichtlich direkte Ehrlichkeit aus ihrer Online-Präsentation, wo eine Generation Ehrlichkeit als Tugend sieht, könnte die nächste es als Alarmzeichen begreifen.
Eine Theorie, die von der Psychologin Jordan Meisel, die mit jungen Klienten arbeitet, unterstützt wird: Es ist einfacher, im Scherz zu agieren, als sich einer möglichen gerichteten Ernüchterung auszusetzen. Leute machen sich gerne über die peinlichen Momente anderer lustig, doch bleibt der Schmerz aus, wenn man selbst den Scherz als Rüstung trägt. Heutzutage bedeutet die ernsthafte Präsentation des Selbst eine Einladung für vereinzelte Belustigung auf Kosten der Authentizität.
Flucht in den Zynismus
Ein humorvoller Ansatz wird zum Schutzschild, wenn Giovanni und seine Altersgenossen potenzielle Partner ansprechen. Giovanni vertraut mehr auf humorvolle Startpunkte als auf ernsthafte Erklärungen. Wenn er feststellt, dass sein Gedankengang nicht lustig genug ist, bleibt die Antwort unbeantwortet. Sein Unwohlsein mit zu aufrichtigen Aussagen fremder Profile, wie „faule Tage im Bett,“ lässt wenig Raum für unergründete Gefühlsausflüge. Seine Reaktionen spiegeln ein tiefer verankertes Phänomen wider: das Streben, bloß nicht zu tief in das Geflecht von Erwartung und persönlicher Wahrheit einzutauchen.
Erfahrungen in der realen Welt offenbaren, dass viele junge Erwachsene bei direkter Kontaktaufnahme durch Aufrichtigkeit geradezu abgeschreckt werden. Eine kulturelle Überempfindlichkeit gegenüber dem „Peinlichen“ und „Langweiligen“ prägt die heutige Interaktionslandschaft. Online-Dating Plattformen verstärken diese Tendenzen: Sie kreieren einen digitalen Raum, der Echtheit in einem Raster von humorvollen, stark gefilterten Erfahrungen formen muss. Zwar existiert der Wunsch nach emotionaler Verbindung, doch die Sorge, dass Echtheit auf Unverständnis stößt, bleibt bestehen.


