- Die sterile Umgebung der ISS wird mit gesundheitlichen Problemen der Astronauten in Verbindung gebracht. Die Mikrobenvielfalt auf der ISS ist deutlich geringer als auf der Erde, was zu Immunschwächen führen könnte. Forscher schlagen vor, die Einführung von Erdmikroben auf der Raumstation zu fördern, um die Gesundheit der Astronauten zu verbessern. Unterschiedliche Module der ISS beherbergen verschiedene mikrobielle Gemeinschaften und chemische Signaturen. Das Einbringen von Boden- und Wassermikroben könnte die Gesundheit fördern, ohne die Hygiene zu beeinträchtigen.
Die Internationale Raumstation (ISS) zeigt sich von einer nahezu klinisch reinen Seite, doch neue Forschungen legen nahe, dass ein Hauch von Unordnung möglicherweise zuträglich sein könnte. Eine makellose Umgebung klingt ideal für Astronauten, die sich über sechs Monate im All aufhalten, jedoch könnten diese sterile Bedingungen gesundheitliche Herausforderungen mit sich bringen. Bereits seit längerem ist bekannt, dass Raumfahrer auf der ISS mit Immunschwächen, Hautirritationen und anderen entzündlichen Symptomen zu kämpfen haben. Eine neue Studie bringt diese Probleme mit der allzu sterilen Umgebung der Raumstation in Verbindung.
Die in der wissenschaftlichen Zeitschrift “Cell” veröffentlichte Untersuchung zeigt auf, dass die Mikrobenvielfalt auf der ISS deutlich geringer ist als in von Menschen geschaffenen Räumen auf der Erde. Ein Großteil der Mikroben wird durch die Besatzungsmitglieder mitgebracht. Forscher argumentieren, dass die Gesundheit der Astronauten durch die Einführung einer größeren Bandbreite an Erdmikroben verbessert werden könnte.
Vielfalt der Mikrobenwelten
Rodolfo Salido von der Universität von Kalifornien, San Diego, weist darauf hin, dass zukünftige Bauwerke – auch im All – von einer bewussten Förderung diverser Mikrobengemeinschaften profitieren könnten. Diese sollten die auf der Erde erlebten natürlichen Mikrobenaussetzungen besser imitieren, statt sich auf stark gereinigte Räume zu verlassen. Mit Unterstützung der ISS-Astronauten, die 803 verschiedene Oberflächen der Station abpinselten, konnten die Proben in irdischen Laboren präzise analysiert werden. Menschliche Haut stellte sich als Hauptquelle für die Verteilung von Mikroben heraus, während Reinigungsprodukte und Desinfektionsmittel allgegenwärtige chemische Spuren hinterlassen.
Bemerkenswerterweise ergab die Analyse, dass unterschiedliche Module der Station auch verschiedene mikrobielle Gemeinschaften und chemische Signaturen beherbergen. So waren in Speisebereichen mehr lebensmittelbezogene Mikroben vorhanden, während in Sanitäreinrichtungen vermehrt urin- und fecesbezogene Mikroben sowie Metaboliten entdeckt wurden. Interessanterweise fehlten auf der ISS frei lebende Mikroben, die gewöhnlicherweise in Boden und Wasser vorkommen. Gerade das Einbringen dieser Mikroben könnte die Gesundheit der Astronauten fördern, ohne die Hygiene zu beeinträchtigen.
Nachhaltigkeit im Orbit
Professor Rob Knight, Mikrobiologe an der Universität von Kalifornien, erklärt den Unterschied in der Exposition gegenüber gesunden Bodenmikroben im Vergleich zur Isolation in einem abgeschlossenen Raum ohne neuen Mikrobennachschub. Salido ergänzt, dass ein nachhaltiges Leben außerhalb der Erde davon abhängt, über zahlreiche biologisch wertvolle Begleiter zu verfügen, um funktionale Ökosysteme zu entwickeln.
Diese Erkenntnisse könnten auch für Menschen, die in ähnlich sterilen Umgebungen auf der Erde leben und arbeiten, bedeutungsvoll sein. Die durchgängig einwandfreie Sauberkeit der ISS wird durch regelmäßige Staubsaugsitzungen gewährleistet. Diese Praxis steht jedoch in einem zunehmend kritischen Licht, während Wissenschaftler die negativen Effekte übermäßiger Sterilität in den Fokus rücken. Womöglich ist eine kontrollierte Dosis “Unordnung” der Schlüssel zu langfristig gesunder Raumfahrt und einer nachhaltigen Existenz im All.